Nachruf auf Frau Bergmann

Zum Tod von Frau Hilde Bergmann,

ehemalige Schulleiterin der Grund- und Realschule der KLS.

 

Am 15.10.2016 starb Frau Bergmann im hohen Alter von 88 Jahren.

 

Ich möchte – aus meiner ganz persönlichen Sicht - zurückblicken auf die Jahre, in denen Frau Bergmann mit großem Engagement, ihrer menschlichen und pädagogischen Kompetenz und ihrer Erfahrung das Leben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der KLS mit geprägt hat.

 

Das Motto der KLS  Selbstsein Miteinander Weiterkommen, ist erst nach ihrer Zeit formuliert worden und hat doch auch schon in der von ihr mitgeprägten Zeit gegolten.

 

Das war Frau Bergmanns Anfang in der KLS: Für das Schuljahr 1972/73 wollte sie eigentlich lediglich ihre Tochter Kirsten einschulen lassen. Das Aufnahmegespräch mit Frau Meyer für das Töchterchen wurde für Frau Bergmann dann aber gleichzeitig ein Gespräch zum Wiedereinstieg in den Beruf als Lehrerin. So bekamen wir ab 1.8.1972 in der Grundschule der KLS eine Kollegin, Mutter von 4 Kindern und „gestandene“ Grundschullehrerin.

 

Schnell wurde uns sehr viel jüngeren und unerfahrenen Kolleginnen und Kollegen klar, dass wir in Frau Bergmann eine Kollegin bekommen hatten, die wir nach vielem, vor allem nach dem Deutschunterricht in der Grundschule fragen konnten. Sie gab uns wichtige Tipps zu allen methodischen, didaktischen und inhaltlichen Fragen. Vor allem die Rechtschreibregeln, kurz und griffig, sind mir als damaliger Grundschullehrerin im Gedächtnis geblieben.

 

Musikunterricht war ihr ein ebenso wichtiges Anliegen wie der Deutschunterricht. Mit  Frau Bergmann gemeinsam entstanden wunderbare klassenübergreifende Inszenierungen für die gesamte Grundschule. Ich denke z.B. gern an die Erarbeitung und die sehr gelungenen Aufführungen der „Vogelhochzeit“ und der „Frühlingsgesellen“ für die Klassen 1 – 6.

 

Darüber hinaus betonte sie gern einen ihrer Schwerpunkte, indem sie ihren ersten Schulleiter zitierte: „Die Kinder müssen jeden Tag lesen, schreiben und rechnen.  In der übrigen Zeit gehen Sie mit den Kindern viel raus aus der Schule und lassen sie das wahre Leben lernen!“ Nach diesem Satz handelte sie.

 

Frau Bergmann  war als Kollegin sehr unterstützend, engagiert und kooperativ. Ich erinnere mich an eine sehr heterogen zusammengesetzte 4. Klasse mit vielen internen und externen Kindern, in der ich als Klassenlehrerin unter dem Spagat zwischen dem hohen Anspruch einiger Eltern an ihre Kinder und der nicht immer dazu kompatiblen Leistungsfähigkeit der Kinder litt. Sie gab mir damals wichtige Tipps für  die Arbeit mit den Eltern: Vertrauen gewinnen durch überzeugenden Unterricht, gleichzeitige Beziehungsarbeit mit Kindern und Eltern, das Ernstnehmen der elterlichen Ängste und Sorgen, in Konfliktfällen das gemeinsame Suchen nach konstruktiven Lösungen und andererseits  das Beziehen klarer Stellungen.

 

In Frau Bergmanns  Zeit als „Nur-Lehrerin“ fiel der Aufbau der Realschule als zusätzliches „Bein“ der KLS, die unsere geliebte und sehr geschätzte Direktorin Frau Meyer  aus Krankheitsgründen leider nicht vollenden konnte. Das Schwierigste: die Anerkennung der Abschlüsse ließ auf sich warten, und wir Kolleginnen und Kollegen wussten nicht so recht, wie es weitergehen sollte.

Nach einer Übergangszeit, in der wir Frau Bergmanns Einsatzbereitschaft für die inzwischen drei Schulen der KLS besonders schätzen lernten,  übernahm sie offiziell 1982 die Leitung der Grund- und Realschule und erreichte im selben Jahr die Anerkennung der Realschulabschlüsse.

Während ihrer Amtszeit baute sie die Zweizügigkeit der Realschule fast vollständig auf, die ich ab 1989 nur noch vollenden musste.

 

Die Entwicklung eines sehr praxisbezogenen Musikunterrichtes in der Realschule in Form  von Musikkursen hatte Frau Meyer zugelassen. Frau Bergmann meldete diesen besonderen und in Berlin damals einmaligen Musikunterricht bei der Senatsschulverwaltung als Pilotprojekt an, von dem die Realschüler der KLS über viele Jahre profitieren konnten. Sie glänzten mit ihrem Können bei vielen Aufführungen, und der Auftritt der Musikkurse wurde ein wichtiger Bestandteil von Festen und Feiern.

 

Qualitätvoller Unterricht war Frau Bergmann immer wichtig, aber in ebenso starkem Maße wie als Fachlehrerin erlebte ich sie als Pädagogin, die Interesse hatte an der ganzheitlichen Entwicklung der ihr anvertrauten Grundschulkinder und Jugendlichen in der Realschule. Besonders wichtig waren ihr die jungen Menschen, die das Aufgehobensein im „Netz KLS“ - oft in Gestalt des Internates - brauchten, um gesund groß zu werden. Ihr Ziel war es immer, sie zu befähigen, ihr Potenzial zu entdecken und besser auszuschöpfen. Frau Bergmann ging mitunter durchaus unkonventionelle Wege, um Chancen zu geben, immer ihrem Gewissen folgend  und in Absprache mit dem Kollegium und der Schulaufsicht.

 

Zu ihren Aufgaben zählte sie auch die intensive Unterstützung und Stärkung von Lehrerinnen und Lehrern in der Ausbildung. In schwierigen Situationen machte sie Mut und entwickelte mit den Betroffenen Strategien zum Bewältigen von krisenhaften Zeiten.

 

Zu Frau Bergmanns Haltung als Schulleiterin sind mir - für mich - wichtige Einzelheiten im Gedächtnis geblieben. Ich denke da z.B. an die spontane Demonstration vor der Schule, als der Nato-Doppelbeschluss öffentlich wurde und als ich später - als aktive Atomkraftgegnerin - unbedingt zu einer Demonstration nach Brokdorf  fahren „musste“. Gewissensentscheidungen waren ihr selbst wichtig, und sie akzeptierte sie sowohl bei Schülerinnen und Schülern als auch bei Kolleginnen und Kollegen, manchmal schweren Herzens und auch dann, wenn sie dadurch vor - für sie - fast unlösbare Aufgaben gestellt wurde. Wir oft „aufmüpfigen“ jungen Angestellten haben es ihr da nicht leicht gemacht.

 

Gebunden an die Anerkennung der Realschule mussten bald neue Fachräume gebaut werden. Es gehört zu Frau Bergmanns Verdiensten, dass die Realschule damals so gut ausgestattet wurde: mit Tischlerwerkstatt, Nähwerkstatt und Küche im „Würfel“, dessen Bau durch sehr großzügig zur Verfügung gestellte Lottomittel möglich wurde. Dazu  kamen der naturwissenschaftliche Trakt, der Anbau der Gymnastikhalle und die Renovierung der Turnhalle. Diese Räume  machten auch gleichzeitig die Grundschule und das Gymnasium attraktiver.

Unsere Fünfjährigen  profitierten kurz darauf , weil –  auch im „Würfel“ - Platz wurde für eine Vorschulklasse, ebenfalls eine Herzensangelegenheit von Frau Bergmann.

 

Die Alliierten hatten nach dem 2. Weltkrieg die KLS zur Luisenstiftung umbenannt. Die „Königin“ im Namen der Schule musste damals gestrichen werden. Frau Bergmann bewirkte in ihrer Amtszeit, dass  unsere Internatsschule  wieder - wie einstmals - zur Königin-Luise-Stiftung zurück benannt wurde.

Im Jahre 1986  erlebte sie als Höhepunkt ihrer Tätigkeit die 175-Jahrfeier der Königin-Luise-Stiftung, die sie als Schulleiterin natürlich maßgeblich mit gestaltete.

 

1989 entschied Frau Bergmann, 61jährig, den Beruf „an den Nagel zu hängen“, um noch ruhige Zeiten mit ihrem Mann erleben zu können, dessen Ruhestand in eben diesem Jahr begonnen hatte. Bei der sehr bewegenden Abschiedsfeier wurde ihr für ihre Verdienste für die KLS das Kronenkreuz in Gold der Diakonie überreicht.

 

Ich habe sehr gern mit  Frau Bergmann zusammengearbeitet. Ich habe sie – Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gegenüber - als zugewandte  und konsequente Schulleiterin erlebt, die Visionen hatte und bis zu ihrem Ruhestand begeisterte Lehrerin und Schulleiterin war. Sie konnte einerseits anstecken mit ihrer Begeisterung, andererseits ungewöhnliche Entscheidungen treffen, aber auch von anderen akzeptieren. Sie konnte empathisch mitfühlen, ebenso stark Stellung beziehen  und Grenzen setzen. Sie war eine für mich vorbildhafte Führungspersönlichkeit.

 

Ich danke Frau Bergmann für alles, was ich als Kollegin mit ihr erfahren, lernen und erleben durfte. Sie setzte für mich -  wie früher schon Frau Meyer - Maßstäbe, die Grundlage wurden für meine weitere Arbeit an der KLS.

 

23.11.2016

Helga Neumann