Rede von Frau Range-Schmedes auf dem Festakt am 15.4.2011

anlässlich des 200jährigen Bestehens der Königin-Luise-Stiftung - 15.4.2011

 

Liebe Festgemeinde, lieber Herr Prof. Zöllner, liebe Frau Otto,

herzlich willkommen zum heutigen Festakt der Königin-Luise-Stiftung! Es macht mich als Vorsitzende des Kuratoriums froh und auch ein wenig stolz, so viele Menschen hier im Saal zu sehen, die mit unserer Stiftung in Verbindung stehen. Sie alle ob als Freunde oder Ehemalige, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen die Königin-Luise-Stiftung zu einem lebendigen, vielfältigem Ort, an dem erfolgreiche Bildungsarbeit geleistet wird. Dafür möchte ich Ihnen an dieser Stelle zu diesem besonderen Anlass danken.

Über die Bedeutung von Bildung wird heute in der ganzen Breite der Gesellschaft nachgedacht und gesprochen. Viel ist über die Teilhabe an Bildung, Bildungschancen, Integration, Durchlässigkeit bis hin zu den besonderen Bildungskarrieren von Mädchen und Jungen die Rede. Diese Themen sind auch im Jahr 2011 an der Königin-Luise-Stiftung aktuell. Sie sind es hier aber seit 200 Jahren!

200 Jahre Kontinuität und Tradition sind in einem Deutschland voller Brüche, Systemwechsel, voller Kriege und politischer Katastrophen eine Rarität. Aber nicht jede Tradition und nicht jede Rarität ist es wert gelebt und bejubelt zu werden. Wir freuen uns über 200 Jahre Stiftung, ja. Aber was gibt es beim genaueren Hinsehen wirklich zu sehen und zu feiern?

Das wirklich Erstaunliche der Königin-Luise-Stiftung sind nicht die Brücken in die Vergangenheit. Das Spannende , ja vielleicht wirklich Herausragende ist die Formung, die Veränderung und von Bildungsideen durch die Zeit. Was nicht bedeuten soll, dass wir uns heute nicht auch noch weiterhin über die Briefe Kleists, Humboldts und Gneisenaus freuen. Sie loben, unterstützen und zeigen Respekt für die damals junge Stiftung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Dennoch steht das Traditionelle nicht mehr im Mittelpunkt eines Festaktes wie dem heutigen. Wir suchen etwas anderes. Wir suchen nur noch Echos aus damaliger Zeit. Und wir werden fündig, wenn auch vielleicht anders als erwartet.

Die Förderung der Bildung von Frauen ist so ein Echo, solch eine spannende und hervorragende Bildungsidee. Die junge, im Mythos ewig junge, Königin hatte an sich selbst erfahren müssen, wie unzulänglich und oberflächlich die Ausbildung war, die man Frauen in der damaligen Zeit zugestand. Ihre eigenen vermeintlich einfachen Fragen entschuldigte sie einmal in einem Brief mit der Feststellung: „Aber fragt man nicht, so bleibt man dumm! Und ich hasse entsetzlich die Dummheit."

Die Königin-Luise-Stiftung war die politische Antwort im Zuge der Reformpolitik Preußens, das einen „Ausgang" aus seinem selbst verschuldeten Unvermögen, den Idealen der französischen Revolution standzuhalten, suchte. Preußen ist Vergangenheit, wir sind heute nach Maßstäben der damaligen Zeit eher Franzosen als märkische Landeskinder, wenigstens aber Europäer.

Geblieben ist als Echo der Geist der Emanzipation, des Aufstiegs und der Gleichberechtigung durch Bildung. Und es ist kein Widerspruch zur Gründungsidee, wenn uns heute ausgerechnet die Bildung von Jungen mindestens genauso Auftrag ist wie die Förderung von Mädchen. Früher unterdrückte die Geschlechterrolle die einen. Heute sind es mediale Überreizungen und gefährliche Rollenbilder für die anderen, die sie zu Benachteiligten im Bildungssystem zu degradieren drohen.

Die soziale Integration ist uns heute in der Stiftung, gerade durch unser Internat, ein Anliegen mit allergrößter Bedeutung. Allen voran waren es engagierte Bürger, heute würde man sie Zivilgesellschaft nennen, die die Stiftung fördern. Ich freue mich, dass Herr von Klewitz als einer der Nachfahren dieser Gruppe später zu uns wird sprechen können.
Diese Bürger finanzierten Stiftungsplätze für Adels-, Bürger- und Arbeitertöchter, über Klassenschranken hinweg. Voll entfaltete sich dieser soziale Gedanke in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Stiftung wandelte sich zum Hort für Kriegswaisen und Flüchtlinge. Die Unterstützung Alleinerziehender, meist ist zu ergänzen: allein erziehender Mütter - trat als Auftrag hinzu. Schließlich öffnete sich die Stiftung der Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe. Das Echo der Emanzipation und der gerechteren Verteilung von Bildungschancen hallt auch hier bis heute nach! Ausdrücklich möchte ich hier die Arbeit unseres Internats hervorheben. Die Erfolgsquote unserer Internatsschüler macht uns sehr stolz! Wer hierher kommt, um für eine Zeit zu bleiben, schafft seinen Abschluss! Es sind diese ungewöhnlichen Verbindungen und Kooperationen - Internat und für alle geöffnete Schulen, Jugendhilfe und Dahlem, Integrierte Sekundarschule und Gymnasium - die die Königin-Luise-Stiftung prägen, ja zu einer Institution ganz besonderer, unverwechselbarer Art machen und gemacht haben.

Wohin führt der Weg? Die Stiftung hat in den 200 Jahren ihres Bestehens immer wieder neu ihren Weg bestimmt und gefunden. Und doch ist der Blick auf „die Stiftung", „die Institution" eigentlich irreführend, ja schärfer noch: Er ist falsch.

Denn es sind die Menschen an dieser in den Jahren gewachsenen und größer gewordenen Stiftung, die die Wege und Geschicke bestimmen.

Von der klassischen Arbeit im Internat und Schule bis hin zu den Feldern der schulbezogenen Jugendsozialarbeit und Netzwerkarbeit in Schulstation, in Betreuung und Krisenintervention - die Stiftung kann nur so gut und erfolgreich sein, wie es die Mitarbeiter zulassen und wie die Mitarbeiter in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden.
Auch auf diesem Gebiet ist die Stiftung Vorreiter gewesen und wird dieses Erbe bewahren, um weiter erfolgreich sein zu können. Denn Echos der Vergangenheit hin, Erinnerungen her: Nichts trägt die Königin-Luise-Stiftung besser als die Motivation unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich täglich für das weitere Werden im Sinne unseres Leitbildes einsetzen:

Selbst sein miteinander weiterkommen

Danke!

 

© 2017 Königin-Luise-Stiftung